Lichtharve

Lichtharve

Im Beitrag Bildlose Architektur haben wir besprochen, dass sich die Architektur nur auf sich selbst beziehen kann. Architekturfremde Bilder können wohl auf das Bauwerk appliziert werden, aber nicht Teil der Architektur sein. Wie sieht es aber aus, wenn die Bilder das Gebäude thematisieren?

(… vorher) Eine Antwort auf die Frage nach architektonischen Bildern gibt uns das Konzerthaus der Isländischen Hauptstatt. Die „Harpa“ in Reykiawik, entworfen von Henning Larson und Olafur Eliasson, ist ein aussergewöhnliches Bauwerk. Dessen Glasfassade zeigt eine einzigartige räumliche Wabenkonstruktion. Polygonalen Volumen aus Stahlrahmen und Glasfüllungen sind zu einem kristallinen Netz zusammengefügt. Die Fassadengestaltung lebt dabei von vier gestalterische Massnahmen: Von der polygonalen Formgebung, der Doppelwandigkeit der Konstruktion, der räumlich gezackte Oberfläche und der seriellen Wiederholung.

Die Wirkung die sich bei Tag entfaltet ist ein Effekt des Schillerns, der Reflexionen auf mehreren Ebenen, dem Wechsel der Erscheinung durch die Sonneneinstrahlung und jenem durch die Bewegung des Betrachters. In der Nacht, wo sich die Wirkung der Spiegelungen verliert, kommt noch ein weiterer Effekt hinzu. Die einzelnen Glaskörper werden durch integrierte LED-Stäbe in den unterschiedlichsten Farben erleuchtet. Im Zusammenspiel der Leuchten entsteht ein Lichtspektakel in der Fassade.

Die Hülle der „Harpa“ ist also auch ein Monitor. Es stellt sich nun die Frage, ob dieser Monitor gleich Funktioniert wie jene des dänischen Konzerthauses oder jene des holländischen Hochhauses. Technisch gesehen unterscheidet diese drei Projekte nicht viel. Dennoch wird man das Gefühl nicht los, dass hier etwas gänzlich anderes geschieht. Der isländische Bau strahlt eine starke architektonische Präsenz aus. Dies gelingt auch ohne den Monitor, woran die beiden anderen Beispiele scheitern. Es funktioniert erstaunlicher Weise aber auch mit dem Monitor.

Begünstigt wird Erkennbarkeit dieses Zusammenspiel durch den abstrakten Inhalt der auf dem Monitor angezeigt wird. Es wird eine Lichtstimmung vermittelt. Es wird mit Licht gemalt. Gegenständlichen Filme sieht man keine. Dieser Abstraktionsgrad ist aber nicht der wahre Grund, warum sich dieser Monitor von den anderen unterscheidet. Das Licht der Pixel steht nicht ausschliesslich im Dienst des Monitors, sondern stützt zunächst die Wirkung der Architektur. So verlören sich die Form und die Oberfläche in der Dunkelheit. Durch die Leuchten des Monitors treten die einzelnen Waben jedoch noch stärker hervor als bei Tag. Die Fassetten der Fassade zeigen sich in den unterschiedlichsten Farben und multiplizieren damit das Schillern am Tag.

In Reykjavik kann das Licht des Monitors nicht von der Architektur getrennt werden. Beides bildet eine Einheit. Dies liegt am klaren Bezug der Bildpixel auf das Bauwerk. Das Licht arbeitet die Struktur des Gebäudes heraus und verdeckt sie nicht. (Weiter bei…)