Georg Mörsch, Geschichte oder Geometrie

Georg Mörsch, Geschichte oder Geometrie

Einer der faszinierendsten Aspekte alter Städte ist ihre gewachsene Struktur. Doch was heisst gewachsen in diesem Zusammenhang und lässt sich dieser Aspekt in neuen Bauten und Stadtteilen reproduzieren?

Mittelalterliche Stadtstrukturen weisen einen sehr hohen Reichtum an verschiedenen Raumkonstellationen und geometrisch komplexen Formen auf. Diese zusammengebauten, bisweilen zusammengebastelten Stadtteile erzeugen eine starke Charakteristik, die wir gemeinhin als gewachsene Strukturen bezeichnen.

Aus der Perspektive der Architekten ist mit „gewachsen“ das Gegenteil von einfachen Geometrien gemeint. Es kommen keine Geraden, rechten Winkel und saubere Fluchten zum Einsatz, geschweige denn, dass sich ein regelmässiges Raster finden liesse. Gewachsene Gefüge sind nach herkömmlichen geometrischen Herleitungsmodellen nicht verständlich und müssen infolgedessen als ungeordnet, ungeplante Formen gelten.

Aus der Sicht des Historikers hat das Gewachsene weniger mit der Form, sondern mehr mit der Entstehung und Veränderung des Gebauten zu tun. In den wirren Schrägen, den verzogenen Flächen und dem Hin und Her der Vor- und Rücksprünge, sieht er die Verkörperung der Geschichte. Jedes Bauteil und jede Form hatte, zum Zeitpunkt seiner Entstehung, einen bestimmten Grund. Was für den nach Ästhetik und sichtbare Ordnung suchenden Gestalter chaotisch wirkt, ist für den Geschichtsinteressierten eine Erzählung, die es zu lesen gilt.

Die historische und die architektonische Sichtweise auf die gewachsene Stadtstruktur unterscheiden sich also fundamental. Die eine fokussiert sich auf die Vorgänge der Entstehung, die andere auf deren formales Resultat. Der Denkmalpfleger Georg Mörsch kritisiert beispielsweise die Sichtweise der Architekten folgendermassen:

“Wäre die Stadt [...] gewachsen, dann ja sicherlich aus für uns rätselhaften quasi-genetischen Wachstumsgründen, derer man ebenso wenig habhaft würde, wenn man ihre Form künstlich wiederholt, wie es gelänge, mit dem Anhäufen eines Kubikmeters Tannennadeln einen Ameisenstaat zu schaffen. [...] Unsere Unfähigkeit, die Gestalt der scheinbar organisch gewachsenen Stadt zu verstehen, verdunkelt die Tatsache, dass jeder Stein in ihr zu einem bestimmten Zeitpunkt hergestellt, transportiert, bezahlt und zu einem bestimmten Zweck vermauert worden ist. – Und das ist Geschichte.” (1)

Mörsch lehnt damit die rein formale Sichtweise auf die Stadt ab und plädiert dafür die Stadt als Resultat vieler kleiner Einzelentscheide zu verstehen.

Auf der anderen Seite steht der Architekten, der zumindest heute für die Entstehung und Veränderung der Stadt verantwortlich zeichnet. Er stellt die ästhetische Sichtweise über jenes der Geschichte. Er wird argumentieren, dass jedes Gebäude nach gestalterischen Prinzipien entwickelt worden ist, und dass daher der gestalterische Eingriff statthaft ist, auch ohne die geschichtlichen Zusammenhänge im Detail zu kennen. Seinem Verständnis über die Stadt zufolge, muss es durch Planung möglich sein, eine funktionierende Stadt zu erzeugen.

Wer aber hat nun recht: Historiker oder Planer? Die Antwort darauf ist keine einfache. Zum einen ist es nachvollziehbar, dass eine Stadt sich durch viele kleine Schritte stetig verändert. Was wir von ihr sehen ist immer nur ein vorläufiges Resultat, dass sich schon morgen weiter entwickelt. Die Stadt ist daher eine geschichtliche Struktur, die sich auf Grund ihrer Bewohner erzeugt. Zum anderen sind generische Stadtgründungen keine Seltenheit. Nicht nur in Form der Trabantenstädte der Nachkriegszeit. Die römischen Garnisonsstädte und die mittelalterlichen Zäringerstädte machen deutlich, dass es solche Stadtgründungen aus dem Nichts schon immer gegeben hat. Die Stadt kann daher auch das Resultat einer formalen Planung sein.

Die Wahrheit über die Stadt liegt wohl irgendwo zwischen den Fronten. Die folgenden Texte vermögen deren Standort vielleicht etwas genauer zu bestimmen. Die gewachsene Stadt und die Bedingungen ihrer Entstehung und Veränderung können uns den Zugang zu einer formalen und gesellschaftlichen Struktur eröffnen, deren heutige Qualitäten unbestritten und deren zukünftige Potenziale vielversprechend sind. (Weiter bei…)

(1) Georg Mörsch, Denkmalverständnis, Vorträge und Aufsätze 1990-2002, vdf Hochschulverlag AG an der ETH Zürich, 2004, S. 132