Ein einig Volk von Häusern

Ein einig Volk von Häusern

Woher kommt die ästhetische Einigkeit der Überbauungen um 1945? Aus heutiger Sicht ist es kaum vorstellbar, dass zwei Architekten zu denselben gestalterischen Resultaten gelangen. Um das Kriegsende herum scheint dies fundamental anders gewesen zu sein.

(…vorher) Es gibt eine ganze Serie von möglichen Gründen, denen man beim Studium der Materie begegnet. So scheint es der wirtschaftlichen Situation im Zusammenhang mit dem Krieg geschuldet: Materialknappheit und Wohnungsnot trieben die Baubranche um. Einfaches Bauen war damit das Gebot der Stunde. Nur so konnte angesichts der widrigen Umstände schnell viel Wohnraum geschaffen werden. Die gestalterischen Ähnlichkeiten erklären sich jedoch nur bedingt aus diesem Umstand. Trotz eingeschränkter Mittel und hohem Druck auf die Umsetzungsgeschwindigkeit, hätte es sicher die eine oder andere Möglichkeit gegeben, einer anderen Typologie zu folgen, einer anderen Gestaltung den Vorzug zu geben.

Es ist zu vermuten, dass es gewissermassen im damaligen Geiste der Gesellschaft angelegt war, die Stadt in dieser einheitlichen Form weiter zu entwickeln. Es wurde nicht das Extravagante gesucht, sondern das Einfache. Es ging nicht um die Stadt als Gegenstand der internationalen Vermarktung, sondern um die Stadt als Lieferant von Wohnraum. Zumindest liess die Gesellschaft die Städtebauer in eben dieser Grundhaltung gewähren. Bei Daniel Kurz heisst es dazu:

„Nach dem Muster des Friesenbergs steuerten die städtischen Planer nach dem Zweiten Weltkrieg unter Albert Heinrich Steiner die städtebauliche Entwicklung monofunktionaler Wohnquartiere. [...] Die Verbindung von Wohnbausubventionen und Bodenpolitik gab den Behörden erhebliche Macht. Sie nutzten diese Chance, in dem sie für die neuen Stadtquartiere so genannte Überbauungspläne bereit hielten, die nicht nur Strassen und Grünflächen vorgaben, sondern auch die Stellung und Grösse der künftigen Bauten. Wollte eine Baugenossenschaft mit städtischer Unterstützung bauen, so hatte sie sich an die Vorgaben des – rechtlich nicht bindenden – Überbauungsplans zu halten.“ (1)

Daniel Kurz verbindet die Entwicklung der Stadt vor 60 Jahren mit dem Stadtbaumeister. Er spricht von der „Ära Steiner“. Seiner starken Hand sei es zu verdanken, dass die Stadt über einen gewissen Zeitraum als konsistente Einheit entwickelt worden war. Die Setzung und Dimensionierung der Bauten ist hierfür aber nicht alleine verantwortlich. Es ist auch der architektonische Ausdruck, der die Stadt so eindrücklich und offensichtlich zusammenschweisst. Damit stützten auch die Architekten und nicht zuletzt die Bauherrschaften den Kurs der Einheit. Nur so ist es zu erklären, dass die hier untersuchten 22 Siedlungen wie aus einem Guss erscheinen. Wie gross der Einfluss der Bauherrschaften auf die gestalterische Ausbildung war, lässt sich (auf Grund des bisher gesichteten Materials) schwer abschätzen. Was die Architekten angeht, lässt sich da schon mehr sagen. Es kann davon ausgegangen werden, dass die Planer sich alle derselben Idee verpflichtet fühlten. Es verband sie die Vorstellung Teil einer Bewegung zu sein. Es war die Zeit des “Landistils”, dessen Name von der Landesausstellung 1939 herrührt. Auf Wikipedia heisst es dazu:

„Der Landistil zeichnet sich durch eine funktionale, sachliche, leichte und reduzierte Gestaltung aus. Er ist einerseits als Abkehr von der traditionellen oder historisierenden Bauweise zu sehen, steht aber andererseits auch im klaren Gegensatz zur monumentalen Bauweise des Faschismus, insbesondere zur Architektur im Nationalsozialismus.“ (2)

Der Stil war damit nicht nur eine ästhetische Angelegenheit. Oder anders gesagt, die Ästhetik war nicht nur sich selbst verpflichtet. Sie war auch Ausdruck einer politischen, ideologischen Haltung. Sie war ein Mittel zur Herstellung von Identität für das ganze Land. Unter diesen Vorzeichen betrachtet, ist es nicht erstaunlich, dass der Grossteil aller Gestalter sich einer Ästhetik unterworfen hat.
Die Einheitlichkeit der um 1945 erstellten Siedlungen ist damit die Folge einer auf mehreren Ebenen in dieselbe Richtung zielenden Anstrengung. Eine Anstrengung, welche nur unter dem Eindruck des Krieges und der damit zusammenhängenden Suche nach Identität verstanden werden kann. (Weiter bei …)

(1) Daniel Kurz, Gebremste Grossstadt, Zürichs Stadtplanung im 20. Jahrhundert, in: archithese 6.2005, Planung in Zürich, S.25-26
(2) Wikipedia, Landistil, 09.05.2014