Das Unplanbare

Das Unplanbare

Der öffentliche Diskurs schlägt sich auch in physischen Handlungen nieder. Deren Abhängigkeit von räumlichen Gegebenheiten ist marginal. Dies zeigt sich darin, dass städtische Aussenräume in den wenigsten Fällen für die dort stattfindenden Handlungen ausgelegt worden sind.

 

(… vorher) Öffentliches tritt als Handlung in unser Bewusstsein. Handlungen sind zeitlich beschränkte Vorgänge, wie zum Beispiel die Kundgebung, die Podiumsrede, die Unterschriftensammlung. Gerade politische Handlungen haben nur rudimentäre Anforderungen an die Platzverhältnisse. In den meisten Fällen betreffen sie lediglich das Fassungsvermögen. Einen Grossanlass wird man kaum in einem kleinen Innenhof durchführen wollen, eine kleine Informationsveranstaltung wohl nur in besonderen Fällen in Mitten einer riesigen Almend. Mit diesen groben Koordinaten ist es kaum möglich, einen Raum für mehrere spezifische Handlungen zu planen. Meist ist man am besten bedient, wenn man sich keine genauen Ziele setzt. Das mag sich wie Resignation im Angesicht des gestalterischen Sisyphus anhören, doch die Schwierigkeiten sind grundsätzlicherer Natur.

“Gesellschaftliches Leben entsteht nicht wegen der Gestaltung der Aussenräume, sondern trotz ihr.”

Halten wir uns vor Augen, dass kaum ein städtischer Aussenraum, in dem wir uns bewegen, für die heutigen Nutzungen gebaut worden ist. Statt Militärparaden warten nun Banker auf ihr Tram, statt fahrende Autos, sehen wir, wie die Fussgänger den Schaufenstern entlang schlendern. Unser gebautes Umfeld entstammt zu grossen Teilen einer Kultur, die wir hinter uns gelassen haben. Gesellschaftliches Leben entsteht nicht wegen der Gestaltung der Aussenräume, sondern trotz ihr.Dies lässt sich nicht nur geschichtlich belegen. Am Beispiel der politischen Kundgebung lässt sich dies auch für die Gegenwart nachzeichnen. Zum überwiegenden Teil dient die Strasse der Abwicklung des Verkehrs. Für die meisten Bewohner einer Stadt und auch für deren Planer ist daher klar, was eine Strasse zu leisten hat. Dimensioniert wird eine solche Fläche auf Grund des Verkehrsaufkommens. Der Massstab dafür sind die gesetzlich normierten Spurbreiten und Einlenkradien. An die Anforderungen eines Strassenumzuges an die Strasse hat mit grosser Wahrscheinlichkeit niemand gedacht. Das ist nicht weiter tragisch. Die Veranstalter von solchen Demonstrationen nehmen die räumlichen Verhältnisse entgegen und passen sich gegebenenfalls an sie an. Der Erfolg einer politischen Veranstaltung hängt nicht davon ab, ob die Strasse einen Meter breiter ist oder nicht. Hauptsache da ist eine Strasse.

Wenn sich solche gesellschaftlichen Prozesse derart leicht den räumlichen Gegebenheiten anpassen können, zeigt dies, wie unabhängig der Kern der Handlung ist. Es zeigt wie wenig der relevante Austausch zwischen Menschen mit ihrer gebauten Umgebung zu tun hat. Das, was die Gesellschaft in ihrem Kern zusammenhält – der Diskurs um die Art und Weise des Zusammenlebens – ist vom Raum nicht beeinträchtigt. Aus dieser Perspektive hat er die Bedeutung einer Infrastruktur, ähnlich einem Übermittlungskabel für die Telekommunikation. (Weiter bei …)