Talk to my hand – Gebäude haben keine Ohren.

Talk to my hand – Gebäude haben keine Ohren.

Wie lässt sich der Begriff Öffentlichkeit in den Architektur- und Städtebaudiskurs eingliedern? – Gar nicht!

(… vorher) Wenn wir Öffentlichkeit als den relevanten Austausch von geistigen Positionen innerhalb einer Gesellschaft bezeichnen, muss uns klar sein, dass wir uns nicht in der architektonischen Denkweise bewegen. Öffentlichkeit beschreibt dann politische Vorgänge, deren Verbindung zur Architektur und dem Städtebau nicht im Begriff angelegt ist. Nun stellt sich die Frage, ob der Begriff für die Architektur dennoch anwenden lässt. In welcher Weise also, hat unser gebautes Umfeld mit dem Austausch von geistigen Positionen zu tun?

Berührungspunkte lassen sich bei Gebäuden vermuten, welche zum gesellschaftlichen Austausch erstellt wurden – deren Inhalt es also ist, Menschen während dem Austausch von Ideen zu beherbergen (z.B. das Parlament). Dabei stellt das Gebäude zunächst einen Abgeschlossenen Bereich dar. Mit Wänden und Dach wird die die Debattierenden vom Äusseren abgegrenzt, um alle möglichen Störungen auf den Diskurs auszublenden. Ein zweiter Aspekt ist die Raumanordnung, welche den Diskurs begünstigen soll. Die Abfolge der Räume ist im Besten Falle den politischen Abläufen nachempfunden. Kurze Wege zwischen den zusammen gehörenden Bereichen unterstützen das schnelle Abwickeln aller mit dem Diskurs zusammenhängenden Tätigkeiten. Als drittes kann auch die Raumform den Austausch fördern. In dem der Redner durch eine zentrische Sitzordnung von allen gut zu sehen ist, wird die Grundlage für einen möglichst lückenlosen Austausch geschaffen. Man kann also sagen, ein Gebäude strukturiert einen Diskursprozess auf räumlicher Ebene. Die Voraussetzung dafür ist jedoch die Struktur des Diskusprozesses selbst. Diese entsteht nicht aus der Architektur heraus, sondern ist eine Anforderung des Diskurses. Architektur ist in diesem Sinne nur das Abbild des formalisierten Debatte. Ohne Normierungen kann diese kaum effizient funktionieren. Auf das Gebäude ist sie trotz den Erleichterungen die es mit sich bringt, nicht zwingend angewiesen.

Neben der Beherbergung von Diskutierenden, kann Architektur als Bedeutungsträger, Teil einer gesellschaftlichen Botschaft selbst sein. Auf Grund der eher hohen Lebensdauer und der damit verbunden Trägheit des Inhaltes, sind jedoch nicht alle Themen gleichermassen geeignet, mittels Architektur übermittelt zu werden. Meist läuft es auf eine Form der Machtdemonstration heraus. Dabei spielen unter anderem Grösse, Material- und Lichteffekte eine Rolle. In solche architektonischen Mittel liegt naturgemäss keine allzu grosse Präzision. Die Ausdrucksformen sind zwar vielseitig, die Ergebnisse jedoch alle relativ rudimentär. Im Vergleich zu den Möglichkeiten der Schrift, fällt in der Architektur die Artikulation äusserst einsilbig und meist auch vieldeutig aus. Ein Palast war beispielsweise von seinem Auftraggeber als Verkörperung der monarchistischen Staatsgewalt gedacht. Heute dient er wiederum einem demokratisch legitimierten Parlament oder einfach nur der Aufbewahrung von Kunstgegenständen. Die Symbole der Macht können also ganz unterschiedlich ausgelegt werden.

Damit sind die Berührungspunkte zwischen Architektur und Öffentlichkeit relativ schwach ausgebildet. Als Raum stellt sie eine Art Infrastruktur zweiten Ranges dar, da der Prozess des politischen Austausches auch ohne gebaute Begrenzungen stattfinden kann. Als Zeichen ist sie zu unpräzise und zu unflexibel, um sich gegenüber der Schrift behaupten zu können. Selten sind politische Positionen so simpel, als dass sie durch Architektur gebührend dargestellt werden könnten.

Die Vielfalt an Kommunikationsmedien, zu denen die Architektur in Konkurrenz steht, leistet sowohl als Infrastruktur als auch im Sinne der Zeichen wesentlich mehr. Zeitungen, Fernseher, Radio und Internet stellen die Notwendigkeit der Beherbergung von Menschen zur Abhaltung eines Diskurses ganz grundsätzlich in Frage. Architektur ist damit im besten Falle ein Produkt des öffentlichen Diskurses, wenn es darum geht die Finanzierung für Bauwerke zu beschliessen. Sie selbst beschäftigt sich nicht mit diesen Belangen. Sie erfüllt in erster Linie den Zweck der Beherbergung von Personen und Gegenständen. Selbst wenn sie, wie im Falle des Parlamentes, nahe mit Öffentlichkeit in Verbindung steht, ist sie nicht Teil davon. Sie kann keine politischen Positionen einnehmen und auch keine Positionen befördern. Architektur ist nicht öffentlich, da sie nicht diskursfähig ist. Sie mag Sichtbar sein. Sie mag zugänglich sein. Aber mit dem politischen Begriff teilt sie keine Gemeinsamkeiten.

Aus diesem Grund empfiehlt es sich den Begriff der Öffentlichkeit vom Diskurs über die Architektur fernzuhalten. Sinnvoll kann er nur in seinem Stammgebiet der Politik angewendet werden. (Weiter bei…)